Eine Liebeserklärung

Orginalzitate aus Rudolf Löns “Natürliche Jagdhundkunde” Kapitel Hirtenpudel (circa 1925)

flaemisch02Hüten...Der Hirtenpudel muss das Vieh hüten. In der rechten Bauernwirtschaft herrscht der Weidebetrieb vor und hält das Vieh vom ersten bis zum letzten Grün im Freien. Gehütet wird überwiegend im Wildwuchs, im Walde, auf Wildwiesen, Heiden und im Brachland; darum hat der Hund dem Vieh nur selten zu wehren; er muss es zusammenhalten, für Ordnung sorgen und es gegen Angreifer beschützen. Der Hirtenhund muss also einen steten Begriff von dem Revier haben, in dessen Kreis das Vieh sich halten muss. Innerhalb des Weideplatzes lässt er ihm Bewegungsfreiheit, ohne aber Unordnung zu dulden und Friedensstörer gewähren zu lassen; Ausschweifen über die Bereichsgrenze darf er unter keinen Umständen dulden, muss jeden Widerstand brechen und Ungehorsam zurückweisen können.

Wehren...Angreifende Raubtiere und unredliche Menschen soll der Hirtenhund unschädlich machen und dennoch alles Gutgesinnten Freund und alles Unbeholfenen Nothelfer sein. Nun hat der Hirtenhund im natürlichen Bauernleben nicht wie heute bei uns mit sanften Schafen westfalen1und kleinem Ungeziefer zu tun, sondern mit störrischen Rindvieh, ängstlichen Kühen und wilden Bullen, beissenden Muttersauen und gefährlich hauenden Ebern, er muss die Dummheit, die Lüsternheit, die Wut und die Furcht der unbeherrschten Tiere richtig behandeln, erregen und eindämmen können und darf selbst vor Wind und Wetter kein Verstecken, vor dem schlimm- sten Gegner kein Zurückweichen kennen. Die Hauptfeinde des Hirtenpudels in seiner Urheimat sind Wölfe und Bären und das gefährlichste Unwesen, der räuberische Mensch. Die Hauptgefahr droht dem Vieh durch die eigene Kopflosigkeit bei feindlichem Angriff und schwerem Unwetter.

Eigenschaften...Der Hirtenpudel hat also eine Aufgabe, die an Umsicht, Aufmerksamkeit und Selbstbeherrschung, an Geistesgegenwart, Geduld und Mut, an Stosskraft, Widerstandsfähigkeit und Schärfe das Höchste von ihm fordert. Seine Gewandtheit muss die Waffen seiner Gegner lähmen, seine Vorsicht ihre Tücke vereiteln, seine Klugheit jede ihrer Schwächen unerbittlich auszunützen verstehen. Dazu muss er selbst mit der gehörigen Kraft ausgestattet sein, eine ganz besonders geschickte Kampfesweise haben und über Waffen ver- fügen, die ihn allen seinen gewaltigen, grimmigen und tückischen Gegnern überlegen macht.

Seine TugendenPurzel300...So ist das Hauptmerkmal des Hirtenpudels seine alle Hundetugend beherrschende und das gewöhnliche Durchschnittsmass weit überragende Geisteskraft, die seinem Blick den Adel der Hoheit aufprägt. Gerade das Bewusstseinsleben, Vorstellungsfähigkeit und Verstand geben dem Geiste des Hirtenhundes den Stempel, während beim Jagdhunde das Schwergewicht auf dem Empfindungsleben, Gefühl und Wahrnehmung liegt und der Urhofhund selbst dem Gesinnungsleben, dem Gemüt und der Urvernunft seine Haupteigenschaften verdankt.

Das Seelenleben des Hirtenpudel kennzeichnen seine unbegrenzte Verantwortungslust, sein stets bereites Pflichtgefühl und sein Sinn für unbedingte Gerechtigkeit.

Seine Pflichttreue...Das Reich des Hirtenhundes ist eng begrenzt, Hof, Stallung und Weideflächen halten seine Triebe in ihrem Bannkreis; die Vorgänge des Tages und die Gefahren der Nacht lassen dem pflichtgetreuen Hütehunde seine Möglichkeit, ausschweifende Gelüsten die Zügel schiessen zu lassen, desto weiter sein Geist das Leben beherrschen, desto mehr kann sein Sinn des Tages Eindrücke verarbeiten und seine Tüchtigkeit an den Ereignissen wachsen. Seine Pflicht bannt den Hirtenhund auf einen engen Raum, gibt ihm in diesem kleinen Reich aber eine ganze und sehr schwierige Welt und verlangt von ihm deren selbständige Beherrschung. In seinem kleinen Reich ist dann aber der Hirtenhund auch der freie Herr, nur gebunden von seinem Pflichtbewusstsein, sonst aber unbeschränkt. Der ausgelernte echte Hirtenhund braucht und sucht des Menschen Führung im einzelnen nicht, nur des Herrn Anregung, Aufmunterung und Lob schätzt er ebenso hoch ein, wie er Tadel und Strafe schmerzlich empfindet und durch Ungerechtigkeit bitter gekränkt wird.schapu2

Sein Reich...Sein Reich verlässt der gute Hirtenhund nicht, mindestens bleibt er stets in der Nähe, so dass er jederzeit zur Stelle sein kann, wenn Not am Mann ist. In seinem reich wechselt er häufig den Beobachtungsplatz, damit ihm nichts verborgen bleibt, darum liegt er auf dem Posten stets in starrer Unbeweglichkeit und sucht mit Vorliebe ein Versteck dazu in Kraut und Buschwerk.

Hoftreue, häufiger Postenwechsel und die lauernde Ruhe auf dem Stande machen den Hirten- hund zu dem trefflichen Nachtwächter grösserer Gehöfte, deren sämtlicher Baulichkeiten er in sein Reich einbezieht und bewacht, ohne dieses Reich zu verlassen. Für die Sache ist es einer- lei, ob der Hund ein Gehöft, seine Herrschaft oder eine Viehherde behütet, seine höchste Kunst aber beansprucht doch nur das Vieh und ohne diese ihm artgerechte Arbeit auf freier Hüterweide kann sich auch des Hirtenpudels beste Tugend nicht entfalten. Der Hütehund selbst zieht natürlich die Arbeit beim Vieh jeder anderen Beschäftigung weit vor; die schwere Arbeit im Geschirr, zu der sein Körper gar nicht passt, gefällt ihm am allerwenigsten, aber auch der ständigen Aufsicht und Leitung durch den Herrn, die des Jagdspürhundes höchste Liebe ist, unterwirft sich der selbständige und selbstbewusste Hirtenhund nur gezwungen und sucht sich jeder Bevormundung und Aufbietung seiner Klugheit zu entziehen

lieseSeine Freiheitsliebe...So gibt der Pudel echten Stammes sich nie seines Herrn Willen ganz hin, behält auch unter dessen Hand sich stets ein Restchen Freiheit vor und sucht sich einer körperlichen Behandlung oder gar Strafe stets zu entziehen. Immer bleibt zwischen Herrn und Hirtenhund ein Achtungsspielraum, den mindestens der Hund niemals freiwillig aufgibt.

Darum eignet sich der freiheitsliebende Hirtenpudel am allerwenigsten von allen Hunden für eine Zwangserziehung zu Kunststückchen, die nicht zu seinem Beruf gehören; Klugheit, Arbeitslust und Geschicklichkeit eignen ihn mehr als jede andere Rasse zum Handwerk des Gauklers, aber nur eine ganz sorgfältige Leitung von kleinauf kann seinem Geist in die Richtung künstlicher Berufsarbeit hineinwachsen lassen.

So dreht sich Hirtenhundes Sinn um den Wohlstand seiner Herde deren Ordnung seine Geschicklichkeit, deren Sicherheit seine Wehrkraft im höchsten Masse ausbilden.

Seine Kräfte... Von den Kräften des Hundes sind darum beim Hütehund die Spannkraft, die Widerstandskraft und die Schnellkraft am stärksten entwickelt; die Fähigkeit zum Treiben wird nur im mittleren Masse in Anspruch genommen und die Schwerkraft zum Ziehen, Tragen und Holen kommt nur in engem Raum und kurzer Frist zur Auswirkung. Darum braucht seine Schnelligkeit keine grosse Ausdauer, aber um so grössere Sprungweite und Geschicklichkeit. Der Hirtenhund muss blitzschnell im Angriff, wuchtig im Ansprung und doch stets bereit zum Ausweichen sein; sein Griff muss schmerzhaft sein, daß er jeden Widerstand für den Augenblick lähmt, sein Sprung muss den Gegner zu Boden werfen oder doch verblüffen und seine Gewandtheit muss den Feind stets an den Platz bannen, bis die Erschöpfung seine Bosheit bändigt.